Sind späte Eltern die besseren Eltern?

Auf TopElternblogs läuft gerade eine Blogparade zum Thema „Sind späte Eltern die besseren Eltern?„. Sie bezieht sich auf einen Spiegel-Artikel. Je länger ich über den Artikel nachdenke, um so mehr ärgere ich mich darüber. Welchen Zweck verfolgt er? Er soll wohl polarisieren und provozieren (und damit einfach Aufmerksamkeit erringen), denn meiner Meinung nach ist schon die Fragestellung falsch.

Eltern sein, Zusammenleben überhaupt, ist eine vielschichtige, sehr komplexe Angelegenheit. Jede Familie hat ihre eigenen Werte, dadurch ihr eigenes Muster des Zusammenlebens und ihren eigenen Rhythmus. Schon für 2er-Partnerschaften gibt es keine Patentrezepte, schon gar nicht für das Zusammenleben von 3 oder mehr Personen. Ich glaube, dass die Unterschiede zwischen den Eltern einer gleichen Altersstufe größer sind als die Unterschiede, die durch den Faktor „Alter der Eltern“ bestimmt werden.  Hier werden ganze Lebenskonzepte auf einen einzigen Aspekt reduziert. Da man den Einfluss dieses einen Faktors kaum sauber untersuchen kann, bewegen wir uns ohnehin eher im Bereich der “Meinungen”.

Welchen Einfluss nimmt also der Faktor „Alter der Eltern“? Was unterscheidet ältere Menschen von jüngeren? Was sagt mir meine Lebenserfahrung dazu?

Ältere Menschen haben mehr Lebenserfahrung. Das kann nützlich sein, aber auch hinderlich: Auf jedes Thema, das die Kinder bringen, haben die Eltern eine fertige, wohl durchdachte, mit echten Beispielen untermauerte Meinung, die in aller Regel auch endgültig ist. Mehr Lebenserfahrung? Als ich mit über 30 mein erstes Kind bekam, hatte ich zu diesem Zeitpunkt vielleicht ein oder zwei Mal ein Baby auf dem Arm und noch nie eines gewickelt. Von allen weiteren Fragen wusste ich nicht mal, dass es sie gibt. Und das geht immer mehr Eltern so. Wo nützt mehr Lebenserfahrung? Vielleicht bei Verhandlungen mit Ärzten oder Gesprächen mit Lehrern. Hier verfügt man oft tatsächlich über konkrete Erfahrungen und kann ruhiger und mit mehr Überblick agieren.

In meinen Coachings kann ich keine grundlegenden Unterschiede zwischen jungen und späten Eltern feststellen. Wenn etwas auffällt, dann, dass späte Eltern eher darüber klagen, dass ihre Nerven oft „blank liegen“. Kindergeschrei wird z. B. beim Autofahren als sehr belastend erlebt; auf Streit, aber auch auf Fragen der Kinder wird ungeduldig und gereizt reagiert. Das hat vor allem mit einem zweiten Unterschied zu tun: Mit zunehmendem Alter braucht man mehr Erholung. Wenn man über 40 ist, ausgeschlafen und „gut drauf“, läuft der Tag wie mit Mitte 20. Aber Schlafentzug, anstrengende Arbeitsetappen oder Krankheiten der Kinder hinterlassen Spuren: Man braucht länger, um sich wieder zu erholen. Und gerade am Abend, wenn der Ton den Kindern gegenüber gereizter wird, sendet der Körper eigentlich die Botschaft: Es reicht, ich bin müde. Doch erholen geht nicht, weiter arbeiten ist angesagt. Aber junge Mütter klagen doch genauso über Schlafentzug und Fremdsteuerung. Brauchen wir eine Diskussion, wer müder ist?

Ob Geduld oder körperliche Fitness: Die Persönlichkeiten der Eltern und ihre individuellen Lebenssituationen sind so verschieden und werden von so vielen Randfaktoren beeinflusst, dass m. E. die Frage, ob späte Eltern die besseren Eltern sind, müßig ist. Auch bleibt die Frage, wem eine solche Erkenntnis nützt. Was bringt es mir zu wissen, dass späte Eltern im Schnitt finanziell besser gestellt sind, wenn meine persönliche Situation ganz anders aussieht: Als Mutter muss ich z. B. aus meiner gerade begonnenen Karriere aussteigen und weiß nicht, wie es in ein paar Jahren weitergeht. Als Vater bin ich z. B. vom Verkauf des Unternehmens betroffen und weiß nicht, wann und wo ich den nächsten Job finde.

Wer – aus welchen Gründen auch immer – nicht in frühen Jahren Kinder bekommen hat, hat ja gar keine Entscheidungswahl mehr. Er kann sich nur noch fragen: Will ich jetzt und zukünftig mit Kindern leben? Und welches junge Paar würde wohl beschließen: „Wir sollten einfach noch 10 Jahre warten, dann wird alles viel besser!“.

Die Frage ist doch wohl eher: Was ist mein Lebensentwurf: Will ich/wollen wir mit Kindern leben? Was macht eine „gute“ Familie aus? Welche starken Seiten haben wir als Eltern? Wie kann unsere Familie trotz Stress den Alltag gestalten? Was können wir tun, um zusammen zu bleiben? Was gibt unseren Kindern Sicherheit und Rückhalt? Welches Klima ermöglicht „Lernen“? etc. etc.

Es gibt keine rationalen Gründe für Kinder. Was wir in Deutschland brauchen, ist ein kinder- und familienfreundliches Klima. So gesehen sollten Artikel allen potenziellen Eltern Mut machen, sich auf das große Abenteuer Familie einzulassen.

 

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Über den Autor

Ulrike Kreuzig

Diplom-Psychologin, Unternehmensberaterin und Coach für alle Fragen rund um die eigenen Berufs- und Lebenswege, Partnerschaft und Kinder. Verheiratet, 3 Kinder.

Copyright © 2014. Ulrike Kreuzig

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